Systemic Design hilft uns dabei, hilfreiche nächste Schritte in komplexen Gemengelagen zu finden. Weil einem bei so viel Komplexität aber schnell schwindelig werden kann, zeigen wir in diesem Artikel drei Beispiele, die verdeutlichen, wie Systemic Design in der Praxis ausschaut.
Nochmal zur Einordnung: Systemic Design verbindet Systems Thinking mit Human-Centered Design. Statt ein einzelnes Produkt oder eine einzelne Zielgruppe zufriedenzustellen, geht es darum, ganze Systeme zu gestalten, inklusive ihrer Akteur*innen, Wechselwirkungen und Feedbackschleifen. Der Business-Theoretiker W. Edwards Deming hat das mal so zugespitzt: 94 % der Probleme am Arbeitsplatz sind systemisch. Wer nur an Symptomen arbeitet, löst sie nicht.
Systemic Design setzt an den zugrunde liegenden Strukturen an, statt Komplexität künstlich zu reduzieren. Ein wichtiges Werkzeug dafür ist System Mapping. Die Visualisierungstechnik erlaubt es uns, die Struktur und Dynamik eines Systems sichtbar zu machen. Eine System Map zeigt nicht nur, wer beteiligt ist, sondern wie sich Faktoren über sogenannte Feedbackschleifen gegenseitig verstärken oder abschwächen. Genau an diesen Wirkzusammenhängen setzen später die Interventionen an. Aber wie funktioniert das genau?
NUDAFA ist ein Reallabor für interkommunale Radverkehrsförderung in der Dahme-Seenland-Region östlich von Berlin und verbindet die vier Kommunen Eichwalde, Schulzendorf, Zeuthen und Wildau. Gemeinsam stehen alle Akteure vor der Aufgabe, ein sicheres und attraktives Radverkehrsnetz zu bauen.
Aber welche Prozesse und Strukturen braucht eine erfolgreiche interkommunale Zusammenarbeit überhaupt? Dark Horse Academy hat gemeinsam mit NUDAFA und der TU Berlin an genau dieser systemischen Frage gearbeitet. Systemic Design war hier die naheliegende Methode, da jede Radverkehrsentscheidung einer Gemeinde auf das Netz der Nachbargemeinden wirkt, und umgekehrt. Eine System Map zeigte, dass die eigentlichen Challenges nicht im Straßenbau lagen, sondern in den Abstimmungsprozessen dazwischen.
Gerade für den öffentlichen Sektor ist das ein wichtiger Perspektivwechsel. Vermeintlich weiche Faktoren wie individuelle Überzeugungen einzelner Verwaltungen oder politisches Momentum werden oft als gegeben hingenommen. Mit Systemic Design können wir sie implizit machen und als gestaltbare Variablen behandeln.
Im NUDAFA-Projekt entstand so eine System Map in drei Iterationen. Am Ende standen zwei konkrete Prototypen: eine Kooperationsvereinbarung für eine gemeinsame interkommunale Stelle und ein Prototyp für kollaborative Planung.
Die ganze Case Study: NUDAFA – Interkommunale Zusammenarbeit durch Systemic Design
Neugierig, wie du System Mapping selbst anwendest? Im Kurs Systemic Design lernst du den kompletten Prozess von der Systemkarte bis zur Intervention.
Zum Systemic-Design-Kurs der Dark Horse Academy
Unser zweites Beispiel stammt nicht aus der eigenen Projektarbeit, sondern von der System Mapping Academy (SMA), mit ihr führen wir unsere Systemic-Design-Trainings durch.
Die Initiative innOsci des Stifterverbands stellte sich die Frage: Wie kann das deutsche Innovationssystem offener werden? Konkret ging es darum, wie Förderrichtlinien, Anreizstrukturen, Kooperationsqualität und Vertrauen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik zusammenhängen und was Öffnung eigentlich fördert oder blockiert. An der Erarbeitung waren über 50 Stakeholder aus diesen Sektoren beteiligt.
Warum macht auch Systemic Design als Methode Sinn? Weil „das deutsche Innovationssystem" keine Zielgruppe ist, den man in ein paar Interviews befragen kann, sondern ein Geflecht aus Institutionen mit eigenen Anreizen und Abhängigkeiten. Durch einen partizipativen System-Mapping-Prozess lassen sich die Beziehungen und Dynamiken zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik gemeinsam mit allen Beteiligten sichtbar machen.
Am Ende ensteht eine Karte, auf die sich alle beziehen können. Sie zeigt nicht nur, dass Offenheit fehlt, sondern warum sie sich über mehrere sich selbst verstärkende Schleifen, die gegeneinander arbeiten, so hartnäckig hält.
Eigene Darstellung nach der Systemkarte von innOsci: drei gegeneinander wirkende Feedbackschleifen.
Die interaktive Systemkarte zum Projekt kannst du dir selbst ansehen: Karte zur Offenheit des deutschen Innovationssystems auf Kumu
Für unser drittes Beispiel gibt es noch keine fertige Case Study, es stammt aber auch aus dem Dunstkreis der System Mapping Academy. Gemeinsam wollen wir schauen, warum Fast Fashion nicht als Ansammlung einzelner schlechter Kaufentscheidungen zu sehen, sondern als System mit eigener Dynamik.
Dafür werfen wir einen Blick auf die Zahlen, die die ZDFzoom-Dokumentation „Vom Kaufrausch zum Altkleiderberg" zusammenträgt: Der Absatz von Neukleidung hat sich seit 2000 verdoppelt, weltweit werden jährlich mehr als 120 Milliarden Kleidungsstücke produziert. Wo Modeketten früher vier Kollektionen im Jahr hatten, sind es bei H&M, Zara und Primark inzwischen bis zu 52 Mikro-Kollektionen, teilweise erscheint jede Woche eine neue. Ein Kleidungsstück wird im Schnitt nur 1,7 Mal getragen, bevor es aussortiert wird, und rund 40 % aller gekauften Kleidung wird laut einer US-Studie nie getragen.
Wie Kleidung dabei so günstig sein kann, zeigt eine Recherche des Guardian sehr konkret. 2019 rechnete das Schweizer Public Eye zusammen mit der Clean Clothes Campaign nach, wie sich der Verkaufspreis eines Zara-Hoodies aus der „Join Life"-Nachhaltigkeitslinie zusammensetzt. Von den insgesamt 26,66 € erhält die Fabrik in Izmir, die den Hoodie zuschnitt, nähte und verpackte, 1,53 €; an die Näherin, die 30 Minuten für das Kleidungsstück brauchte, gingen davon 1,10 €. Ein existenzsichernder Stundenlohn hätte zu diesem Zeitpunkt laut Clean Clothes Campaign 6,19 € betragen. Zara wies die Studie als „fehlerhaft" zurück, ohne die konkreten Punkte zu benennen. Der CEO der Modeethik-App Good On You, Gordon Renouf, ordnet das größere Bild so ein: Viele westliche Marken seien „von Produktion im eigenen Land vor 40 Jahren zu größerer Produktion im Ausland" übergegangen, oft in Länder mit deutlich niedrigeren Lohnkosten, schwächeren Arbeitnehmer*innenbewegungen und laxeren Umweltauflagen. Der Preis allein sagt dabei wenig über die Arbeitsbedingungen dahinter aus. Laut UN kauft die durchschnittliche Konsument*in heute 60 % mehr Kleidungsstücke – bei halb so langer Lebensdauer – als noch vor 15 Jahren.
Genau solche Zusammenhänge macht Systemic Design mit Feedbackschleifen sichtbar. Wer genau wissen will, wie diese funktionieren, schaut am besten dieses 5-minütige Video:
Kurz paraphrasiert: Sterben Pflanzen ab, entsteht Humus, der neuen Pflanzen Nährstoffe liefert – mehr Pflanzen bedeuten mehr Humus, mehr Humus bedeutet noch mehr Pflanzen. Das ist eine sich selbst verstärkende, „positive" Feedbackschleife. Positiv heißt hier nicht gut: Wird ein Wald gerodet, kippt dieselbe Mechanik ins Negative; weniger Wurzeln halten den Boden, er erodiert, es wächst noch weniger nach. Dem gegenüber stehen ausgleichende Feedbackschleifen, wie zwischen Luchs und Schneehase: Fressen Luchse viele Hasen, sinkt kurz danach ihre eigene Population, wodurch sich der Hasenbestand wieder erholt, es entsteht ein Gleichgewicht statt einer Eskalation.
Fast Fashion funktioniert wie die erste, verstärkende Art von Schleife: Niedrige Preise befeuern mehr Konsum, kürzere Tragedauer erzeugt einen wachsenden Berg an Altkleidern, der die Recyclingbetriebe zunehmend überfordert. Laut der ZDF-Dokumentation (2021) bringt vor allem der wachsende Anteil minderwertiger Fast-Fashion-Ware die Sortierbetriebe an ihre Grenzen. Das drückt die Kosten in der Kette weiter nach unten, was wiederum niedrige Preise und noch mehr Konsum begünstigt. Auch die Recycling-Versprechen der Marken selbst greifen laut der Dokumentation kaum: Bislang werden aus Alttextilien bestenfalls Putzlappen oder Dämmmaterial. Echtes Kleidung-zu-Kleidung-Recycling bleibt die absolute Ausnahme.
Systemic Design würde uns zeigen, dass hier eine ausgleichende Gegenkraft fehlt. Secondhand-Mode wächst zwar als Markt, ersetzt Fast Fashion laut der Dokumentation aber bislang kaum, eher kommt sie zum bestehenden Konsum hinzu. Ein möglicher Hebelpunkt läge deshalb vielleicht eher am Anfang der Wertschöpfungskette. Zum Beispiel in Form verbindlicher Vorgaben dazu, wie Textilien produziert und recycelbar sein müssen, bevor sie überhaupt in den Handel kommen. Das könnte deshalb funktionieren, weil der Hebelpunkt nicht bei der einzelnen Kaufentscheidung läge, sondern bei der Schleife, die all diese Entscheidungen erst begünstigt.
Drei Beispiele, drei völlig unterschiedliche Systeme. Was verbindet kommunale Verwaltung, nationale Innovationspolitik und globale Lieferketten? Sie alle konstruieren komplexe Probleme nicht durch einzelne Akteure, sondern in den Wechselwirkungen dazwischen. Wer diese Systeme verbessern will, kommt deshalb nicht mit singulären Lösungen weiter, sondern nur mit systemischen.
Wenn du lernen willst, wie du solche Systeme selbst kartierst und Hebelpunkte findest, ist der Systemic-Design-Kurs der Dark Horse Academy ein guter Startpunkt.