Anmerkung: Der folgende Artikel ist die Fortführung unsere dreiteiligen Gehaltshistorie bei Dark Horse. Teil 1 findet ihr hier verlinkt.
Ach ja, dieses Mal haben wir alles selbst geschrieben und uns nicht mehr an „Thank God it’s Monday“ bedient #originalcontent.
Dann kam 2017. Und die nächste große Veränderung unseres Gehaltssystems: Die ersten Angestellten kamen. Dieses scheinbar unwesentliche Detail brachte einen Rattenschwanz an Veränderungen mit sich. Aus rechtlichen Gründen hielten wir es für sicherer, uns Gründer*innen dann auch gleich mit anzustellen. Damit wurde die Struktur einer GmbH & Co. KG wiederum obsolet. Also alles zurück auf Los. In unserem Fall: zurück zur GmbH.
Wir waren ab sofort also alle angestellt. Dieser Gedanke war für uns gelinde gesagt gewöhnungsbedürftig. Abhängig Beschäftigte waren wir jetzt – in unseren kühnsten Albträumen hätten wir das nicht gedacht. Fängt jetzt unser 9-to-5-Arbeitsleben an? Setzt die große Langeweile bei Dark Horse ein, so mit Bleistifte spitzen und in Sessel pupsen?
Wie passen diese Rollen eigentlich zusammen, wenn man sie in Personalunion ausführt: Unternehmer*in, Projektmanager*in, Fachexperte*in? Wie sehr geht man noch ins unternehmerische Risiko, wenn monatlich die Lohntüte winkt?
Um der großen Langeweile etwas entgegen zu setzen, bauten wir unsere Gehaltsstruktur mal wieder um, diesmal in zwei große Bausteine:
Baustein #1 war das Grundgehalt. Dieser Baustein bringt die Sicherheit ins Unternehmer*innen-Dasein und soll Lebenskosten decken. So viel wie nötig, so wenig wie nötig. Die sinnbildliche Lohntüte winkte also mit Existenz-Sicherheit, verhieß aber keine bequeme Komfortzone mit Massagestuhl.
Baustein #2 war eine Gewinnbeteiligung am gesamten Unternehmensgewinn – und zwar für alle Angestellten. Dieser Baustein war aus mehreren Gründen für uns elementar wichtig:
Dan Pink • TEDGlobal 2009
Im darauffolgenden Jahr wagten wir dann die nächsten Experimente, um unser Gehaltssystem weiter auszubalancieren: Wir unterschieden in Indoor- und Outdoor-Tätigkeiten (direkter oder indirekter Kund*innenkontakt) und ließen die jeweiligen Mitarbeitenden miteinander die nächste Runde unseres Gehaltsmodell aushandeln.
Das Problem lag nämlich auf der Indoor-Seite: Aufgrund von historisch übernommenen Einzelvergütungen gab es noch keine einheitliche Gehaltsstruktur im Indoor-Bereich, wohl aber im Outdoor-Bereich.
Das Prinzip „Gleiche Arbeit, gleiches Gehalt“ ist im Indoor-Kreis umso schwieriger umsetzbar, denn die Tätigkeit in der Buchhaltung und die Arbeit im Office Management sind noch schwieriger vergleichbar als im Outdoor-Bereich, in dem es im Grunde immer um Beratung in der Innovations- und Organisationsentwicklung geht.
Umso erstaunlicher das Ergebnis: Das Indoor-Team einigte sich auf ein einheitliches Gehalt unabhängig von der Tätigkeit, auch wenn das zu finanziellen Abstrichen bei einzelnen Teammitgliedern führte. War das nun gelebte Fairness abseits des Marktes oder Konfliktvermeidungs-Strategie? Wir tippen mal auf Ersteres, ganz sicher werden wir es aber wohl nie wissen.
In dem Zuge kam ein neuer Evergreen zu unseren Gehaltsdiskussion dazu: Wer ist hier eigentlich Unternehmer*in? Will das jede*r, darf das jede*r? Die Frage ist für uns alles andere als trivial! Seit jeher begreifen wir uns als Kommerzkommune, als Co-Unternehmer*innen.
Gemeinsam unternehmerisch mutig sein bedeutet, dass wir eine Fail-Versicherung für 90 Prozent der Ideen, die typischerweise scheitern, haben. Und profitieren gemeinsam von der einen Idee, die dann wirklich zündet! Schon wieder ein Gegenmodell, diesmal zur Start-up-Kultur.
Nur kann unternehmerischer Erfolg auch schnell zum Fluch werden. Wenn etwa Städte wachsen, wächst auch proportional das kreative Potential (was man etwa an der Anzahl jährlich angemeldeter Patente ablesen kann). Wenn allerdings Unternehmen wachsen, wird das kreative Potential kleiner!
Der Grund dafür ist simpel: Während Städte die Vorteile von Netzwerken und Serendipity-Effekten ausnutzen, machen Unternehmen das Gegenteil. Sie nutzen Bürokratie, um Effizienzgewinne zu erzielen. Das kreative Potential bleibt dabei auf der Strecke.
Zurück zu uns. Wie können wir mehr wie eine Stadt und weniger wie ein Unternehmen wachsen? Die Frage begleitet uns bis heute… Genauso wie die Suche nach perfekten Antworten. Bleibt wohl auch so…
Unsere Antwort lautete damals: Wir wollen maximale kreative Freiheit bei minimaler finanzieller Sicherheit. Unser Werkzeug, um das zu erreichen, waren die „Minimalziele“. Wir setzten uns also finanziell keine klassischen Umsatzziele (jedes Jahr müssen wir um X Prozent mehr Umsätze erwirtschaften), wir betrachteten finanzielle Ziele eher als Hygienefaktor.
Hatte man sie mal erreicht, konnte man sich voll auf das kreative Potential konzentrieren. Die Stadt im Unternehmen also – ähnlich zu der 20-Prozent-Regelung bei Google, nur mit dynamischer Prozent-Regelung. Und für alle Co-Unternehmer*innen, nicht nur für die Entwickler*innen.
Man ahnt es, wieder ein Jahr später gab es die nächste Strukturanpassung unseres Gehaltmodells. Fokuspunkt war vor allem die Rolle der Co-Unternehmer*innenschaft. Also folgten die nächsten Experimente:
Dann schlug die Pandemie zu. Wir hatten, wie wohl viele, besseres zu tun, als mit unserem Gehaltsmodell zu experimentieren. Als überzeugte Präsenzler*innen mussten wir uns erstmal mit der digitalen Kollaborationswelt zurechtfinden – und sind jetzt überzeugte Hybridler*innen (ein paar von uns arbeiten nur noch von zu Hause aus, ein paar fast nur im Office und der Rest mal so mal so).
Unser Gehaltsmodell musste also ohne Updates mit der Herausforderung der ersten Pandemie-Jahre klar kommen. Man könnte sage: Es gab Licht und Schatten.
Durch unsere starke Kopplung an den unternehmerischen Erfolg kamen wir ziemlich gut durch die Pandemie. Im Nachhinein betrachtet führte der Bonus-Anteil zu einem sehr resilienten System, das sich der wirtschaftlichen Lage gut anpassen konnte. Leidtragende waren natürlich wir alle, die aus unternehmerischer Vorsicht zum Grundgehalt zurückgekehrt sind.
Wir hatten zwar keine Arbeitsplatz-Ängste, allerdings sorgte das Niveau der „Grundsicherung“ nicht unbedingt dafür, dass sich alle fair bezahlt fühlten. Im Gegenteil. Für das ein oder andere Dark Horse mag das sicherlich ein zusätzlicher Grund gewesen sein, hinaus in die Welt zu pilgern und neue Erfahrungen in anderen Organisationen oder als Freelancer*in zu sammeln. Das fanden wir natürlich schade, aber auch absolut verständlich.
Als Reaktion auf diese monetären Fliehkräfte haben wir uns in den vergangenen Monaten noch stärker mit der Frage beschäftigt, warum und wozu wir eigentlich arbeiten? Unsere interne Transformation, die schon 2019 begonnen hatte, nahm ordentlich Fahrt auf. Updates am Gehaltsmodell wurden jedoch erst einmal pausiert – bis 2022.
Der zweite Teil unserer Gehalts-Historie endet im Jahr 2022. Zum Zeitpunkt dieser Aufzeichnungen basteln wir an der nächsten Gehalts-Iteration. Wie diese aussehen wird und unsere Gedanken für die Zukunft, das erzählen wir euch im abschließenden 3. Teil dieser Serie.