Vier Kommunen und ein Projekt, das größer ist, als die Summe seiner Teile: Östlich von Berlin, in der Dahme-Seenland-Region, soll ein Radverkehrsnetz entstehen, das vier verschiedene Gemeinden durch Radwege miteinander verbindet. Dafür wurde das NUDAFA-Reallabor für interkommunale Radverkehrsförderung ins Leben gerufen. Bestehend aus den Verwaltungen der teilnehmenden Kommunen und wissenschaftlicher Hilfe aus der TU Berlin und der TH Wildau arbeitet und forscht der Verbund an der Frage, wie so eine flächendeckende Infrastruktur für Radfahrende gelingen kann.
Im NUDAFA Reallabor wurde über drei Jahre lang viel experimentiert, getestet und gelernt; 2025 läuft das Projekt aber aus. Daher sollte die Radverkehrsförderung in eine dauerhafte Form der interkommunalen Radverkehrsförderung überführt und verstetigt werden. Dass es einige Fragen aufwirft, wenn vier unabhängige Kommunen gemeinsam an so einem Projekt zusammenarbeiten, ist logisch.
Gemeinsam mit NUDAFA und der TU Berlin haben wir uns deshalb auf die Frage konzentriert: Welche Prozesse und Strukturen erfordert eine erfolgreiche interkommunale Zusammenarbeit?
Oder systemisch gefragt: Was sind die systemischen Hebel für diese Aufgabe und welche Maßnahmen sind effektiv, um die Radverkehrsinfrastruktur besser zu bündeln und vernetzter zu handeln?
Um die vielen Zusammenhänge und Abhängigkeiten im komplexen Projektgefüge sichtbar zu machen, haben wir uns für einen Systemic-Design-Prozess entschieden. Mit einer System Map als Grundlage konnten wir nicht nur die nötigen Hebelpunkte für bessere interkommunale Radverkehrsförderung identifizieren, sondern auch darauf aufbauend direkt Prototypen für Interventionen im Rahmen der neuen Rolle erstellen.
Gemeinsam mit einem interdisziplinären Kernteam starteten wir mit der vielleicht wichtigsten Übung jeder Transformations-Reise: den Mut und das Commitment aufzubauen, die es braucht, um das Problem wirklich lösen zu wollen.
Aus der kondensierten Problembeschreibung
„Ineffiziente kommunale Zusammenarbeit führt zu einem unsicheren und unattraktiven Radverkehrsnetz.“
leiteten wir folgende Kernvariable ab:
Anzahl kommunal umgesetzter, interkommunal abgestimmter Maßnahmen in ZEWS.
Diese Variable wurde zum Nordstern des Vorhabens. So entstand eine Art gemeinsamer Kompass, der sichtbar machte, warum interkommunale Radverkehrsförderung Potenzial hat, wie stark sie Bürger*innen zugutekommt und welche Faktoren für unser Projekt im Fokus stehen.
In drei Iterationen entstand eine umfangreiche System Map, die zeigte, wie Radverkehrsförderung in ZEWS eigentlich funktioniert, inklusive all der Dynamiken, Engpässe, Abkürzungen und Stolpersteine, die sonst im Hintergrund bleiben.
Die Visualisierung machte sichtbar:
Wir sahen also nicht mehr nur Radwege, sondern ein lebendiges System.
Aus der Analyse kristallisierten sich mehrere systemische Hebel heraus, an denen ein Ansetzen der Kommunen erfolgversprechend wäre:
Um aus den Erkenntnissen schnell ins Machen zu kommen, wurden zwei Prototypen entwickelt:
Das Ziel von Systemic Design ist es, komplexe Systeme zu verstehen und gestaltbar zu machen, und nicht nur deren Komplexität zu reduzieren. Natürlich ist so ein Prozess gerade zu Beginn oft herausfordernd. Alleine das Erstellen einer System Map bedeutet, diverse Ursachen-Wirkungs-Ketten und sich selbst verstärkende bzw. abschwächende Tendenzen gleichzeitig wahrzunehmen und in einem größeren Kontext zu sortieren.
Was wir oft und auch in diesem Projekt sehen: ist der erste Komplexitäts-Berg erklommen, offenbart sich schnell ein Pfad gespickt mit Belohnungen. Ein Team, das plötzlich systemische Zusammenhänge versteht und Feedbackschleifen erkennt, schaut mit ganz anderen Augen auf seine Arbeit.
Auch für Christoph Kollert, den Verbundkoordinator des NUDAFA Reallabors, birgt der Ansatz neue Perspektiven: “Dass weiche Faktoren wie individuelle Überzeugungen oder politisches Momentum nicht einfach hingenommen werden müssen, sondern plötzlich als gestaltungsfähige Variablen gesehen werden können, habe ich in der Form vorher noch nicht erlebt.”
Radverkehrsförderung wurde nicht länger als Summe von Einzelprojekten verstanden, sondern als koordiniertes Gesamtsystem. Die Region erhielt:
Durch die entstandene Arbeit kann in der Region ZEWS nicht nur eine Grundlage für gemeinschaftlichen Radverkehr entstehen, sondern auch die Möglichkeit, gemeinsam einen öffentlichen Raum zu gestalten, der durch Zusammenarbeit und Kollaboration der Verwaltung Zugewinne für alle Menschen vor Ort bringen kann.