tl;dr: Je komplexer die Gegenwart, desto schwerer fällt uns die Zukunft — und rückwärtsgewandte Bilder haben es dann leicht. Die Politikwissenschaftlerin Nina-Kathrin Wienkoop erklärt im Interview, warum das Vertrauen in den Staat sinkt, obwohl er effizienter und transparenter geworden ist, was ein über hundert Jahre altes Bürokratiemodell damit zu tun hat und wo Design-Ansätze im Verwaltungsalltag tatsächlich etwas bewegen.
Dr. Nina-Kathrin Wienkoop forscht als Politikwissenschaftlerin und Ethnologin zu Protest, Demokratie und Jugendbeteiligung. Dabei dreht sich ihre Arbeit auch darum, was Demokratien resilienter macht und wie sich Zukunft gestalten lässt. In der Dark Horse Academy ist sie Co-Host des Trainings Designing Public Governance. Das Gespräch haben wir Anfang September 2026 geführt, wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt — was Nina zu dieser Wahl sagt, ist entsprechend eine Momentaufnahme von davor.
Chris: Ich würde gerne direkt mit dem Thema Vorstellungsvermögen starten. Warum tun sich demokratische Kräfte zur Zeit so schwer mit positiven Zukunftsbildern? Fehlt uns die Vorstellungskraft oder nur der politische Mut, sie auszusprechen?
Nina: Die Frage ist ja auch: Wo fehlt uns die Vorstellungskraft? Fehlt sie uns als Gesellschaft, im Staat oder im parteipolitischen Angebot? Erstmal würde ich sagen, alle Parteien bieten Zukunftsideen an. Alle haben Parteiprogramme, in denen steht, was sie sich als nächste Zukunft vorstellen. Aber was uns immer schwerer fällt, ist, uns eine Zukunft vorzustellen, je komplexer unsere Gegenwart ist und je stärker die Gegenwart uns einnimmt. Und das ist ja gerade beides der Fall.
Wir haben das Gefühl, wir haben so viele Polykrisen, Veränderungen und Unsicherheiten, dass wir so sehr mit der Gegenwart beschäftigt sind, dass wir uns gar keine neue Zukunft vorstellen können. Insofern wundert es mich gar nicht, dass rückwärtsgewandte Zukunftsbilder von rechtsextremen und rechtspopulistischen Parteien einfacher funktionieren. Man kann sich auf etwas zurückbesinnen, was einem Sicherheit gibt.
Chris: Am 6. September stehen die Wahlen in Sachsen-Anhalt an, und laut aktuellen Umfragen liegt die AfD dort bei über 40 Prozent. Die Möglichkeit einer Regierungsbeteiligung besteht also real. Mehrere Innenminister haben bereits gefordert, Vorkehrungen für den Fall zu treffen, dass sie gewinnen. Was kann und muss man institutionell vorbereiten — oder auch nachbereiten —, wenn eine als rechtsextrem eingestufte Partei in einem Bundesland tatsächlich Regierungsverantwortung übernimmt?
Nina: Zunächst einmal ist es ja noch nicht sicher, das sind aktuelle Umfragewerte. Eine Möglichkeit ist das strategische Wählen, damit die demokratisch wählbaren Parteien die Fünf-Prozent-Hürde schaffen. Wenn die SPD und die Grünen in den Landtag kommen, wird es für eine absolute Mehrheit der AfD deutlich schwieriger.
Zum anderen wurden rechtsstaatlich schon viele Reformen durchgeführt, zum Beispiel die Parlamentsreform. 2024 wurde der Rechtsstaat und auch der Verwaltungsrechtsstaat gestärkt, indem gesetzlich verankert wurde, dass jetzt auch auf Bundesebene eine Verfassungsüberprüfung von Verwaltungsmitarbeitenden umgesetzt werden kann. Vorher war das nur auf Landesebene möglich. Das ist ein großer Unterschied. Wir haben jetzt viele Mechanismen, die rechtlich und institutionell eine Wehrhaftigkeit stärken.
Das Problem bleibt aber, dass eine solche Regierung ab Tag eins Zugang zu allen Daten bekommt: Verfassungsschutzdaten, zivilgesellschaftliche Daten, soziodemografische Verwaltungsdaten — ein riesiges Datenkonglomerat. Das ist ab Tag eins eine enorme Bedrohung für viele Organisationen.
Chris: Welche Aufgaben kommen dabei auf den Staat und seine Verwaltung zu?
Nina: Wenn wir über den Staat nachdenken und darüber, warum vielleicht auch im konkret operativen Handeln so wenig Zukunftsvorstellung eine Rolle spielt, sehe ich verschiedene Aspekte. Der erste ist: Welche Kultur fördern wir, zum Beispiel innerhalb der Verwaltung oder des Staates? Wir haben eine Kultur, die letztlich auf einem Modell basiert, das über 100 Jahre alt ist, dem Max-Weberschen Bürokratiemodell.
Dieses Modell war dafür da, vor allem zu stabilisieren. Es ging darum, dass der Staat neutral ist und nicht willkürlich handelt. Diese Prinzipien sind bis heute extrem wichtig. Aber das Modell ist nicht darauf ausgelegt, visionäre Zukunftsvorstellungen zu entwickeln, und es war natürlich nicht für diese komplexe, globale und multiple Krisenwelt gedacht.
Wir haben heute eine Verwaltungskultur, die darauf ausgerichtet ist, Vorgaben von oben in einer Art Maschinenraum-Logik auszuführen. Den Menschen darin fehlt oft diese gestaltende Kultur, den Führungskräften fehlt die Möglichkeit, das entsprechend anzuleiten, und schließlich fehlt uns schlichtweg auch oft die gefühlte Zeit dafür.
Dann geht es auch darum, wie wir Fortschritt begreifen. Wir haben aktuell eine große Diskussion über Staatsmodernisierung, Staatstransformation und Entbürokratisierung. Wenn wir all diese organisatorischen Prozesse umgestalten wollen, müssen wir sie immer zusammen mit demokratischen Werten, Haltungen und Prozessen denken. Wenn das nicht passiert — wir sehen das beispielsweise in den USA mit den Programmen, die unter Elon Musk und Trump initiiert wurden —, dann ist das ein riesiges Problem. Staatsmodernisierung und Handlungsfähigkeit sind wichtig, aber immer nur gekoppelt an demokratische Rückbindung.
Es gab lange Zeit die Annahme: Wenn der Staat handlungsfähiger ist, mehr Output generiert und effizienter, transparenter sowie digitaler ist, dann sind die Bürgerinnen und Bürger zufriedener und vertrauen dem Staat mehr. Historisch gesehen ist der Staat immer effizienter und transparenter geworden. Aber was wir aktuell sehen, ist, dass das Vertrauen in den Staat sinkt.
Wir hatten bei der letzten Bundestagswahl mit rund 84 % eine der höchsten Wahlbeteiligungen seit der Wende. Man könnte sagen: Super, Wahlen als Institution sind etabliert. Gleichzeitig haben wir aber die höchste Misstrauensquote, was Wahlen als Institution angeht. Der typische Satz in Deutschland ist heute oft: „Ja klar gehe ich wählen, aber bringt ja eh nichts“. Wir erfüllen unsere Bürgerpflicht, aber wir vertrauen dem Ganzen nicht mehr. Schlimmer geht es eigentlich gar nicht.
Chris: Woher kommt dieser Vertrauensverlust deiner Meinung nach?
Nina: Ich glaube, wir haben die falschen Hebel benutzt. Wir haben zu wenig auf den Kulturwandel geschaut. Mehr Kommunikation bedeutet ja nicht, dass sich die politische Kultur verändert. Im Gegenteil: Man bekommt oft nur noch mehr Einblick in eine politische Kultur, die in vielen Punkten nicht gerade überzeugend gelebt wird. Wir müssen Demokratie wieder als kulturelle Praxis verstehen, in unserem Alltag, in unseren Beziehungen, in unseren Organisationen, im Staat und in den Parteien. Dafür brauchen wir ganz andere Fähigkeiten, sogenannte Future Skills.
Chris: In unseren Seminaren und Workshops geht es ja oft um Design-Ansätze. Manche Teilnehmende aus der Verwaltung fragen sich manchmal: Ist das nicht zu weit weg? Gibt es da nicht eine zu große Lücke zwischen den großen Zukunftsentwürfen und dem oft sehr starren Verwaltungsalltag, der in Haushaltsjahren und Legislaturperioden tickt?
Nina: Die Frage ist absolut berechtigt. Aber die Magie von Design-Ansätzen wie Design Thinking liegt genau darin, dass sie konsequent nutzerzentriert sind, also in diesem Fall bürgerzentriert. Sie bringen eine kreative Problemlösungslogik in ein System, das sonst oft nur rein prozessual arbeitet.
In der Verwaltung gibt es eine Kultur des reinen Abarbeitens, oft entkoppelt von der ursprünglichen Sinnhaftigkeit einer Aufgabe. Wenn man Vorgänge nur noch als „Vorgangsnummern“ verwaltet, verliert man den Bezug zur gesellschaftlichen Wirkung. Ein Beispiel dafür ist die Debatte um Sicherheitskonzepte für den Hamburger Dom oder das Münchner Oktoberfest: Diskutiert man das nur rein prozessual nach Vorschriften, wirkt es trocken und blockierend. Diskutiert man es aber mit dem Bewusstsein darüber, was diese Feste für das gesellschaftliche Zusammenleben und das Sicherheitsgefühl der Menschen bedeuten, entsteht eine ganz andere Motivation und Handlungsenergie.
Gutes Design Thinking im öffentlichen Sektor leistet genau diese Übersetzungsarbeit: Es koppelt das operative Handeln wieder an die demokratischen Werte und die Sinnhaftigkeit für die Menschen zurück. Es gibt den Verwaltungsmitarbeitenden den Raum, über den Tellerrand des starren Apparats hinauszublicken und sich als wirksame Gestalterinnen und Gestalter der Zukunft zu begreifen. Und genau diese Räume müssen wir durch gezielte Fortbildungen und veränderte Führungskulturen schaffen.
Chris: Nicht alle können bei politischen Entscheidungen mit am Tisch sitzen — sei es, weil es sich um ungeborene Generationen handelt, für die wir heute die Zukunft weisen, oder seien es Natur, Flüsse und Wälder. Wie können wir deren Interessen in unsere Entscheidungsprozesse einbinden?
Nina: Ein Weg ist es, über Methoden des „Futuring“ diese Stimmen systematisch mitzudenken. Ein anderer Weg sind konkrete Naturrechte. Es gibt mittlerweile immer mehr Anwältinnen und Anwälte, die Flüsse gerichtlich vertreten, in Neuseeland, Frankreich und erste Ansätze auch in Deutschland mit der Elbe. Aber der entscheidende Punkt ist, uns im Alltag bewusst zu machen, dass unser heutiges Handeln die „Gegenwart der Zukunft“ mitgestaltet, auch für jene, die wir selbst nicht mehr erleben werden.
Ich lese gerade wieder das Buch „Interviews mit Sterbenden“. Ein Aspekt darin ist besonders berührend: Je älter Menschen werden, desto eher sind sie bereit, über ihr eigenes Leben hinauszudenken. Was bleibt von mir? Was hinterlasse ich? Ein tolles Beispiel dafür sind die Aktivistinnen der „Omas gegen Rechts“. Sie sagen oft: „Ob wir eine stabile, antifaschistische Zukunft noch selbst erleben, wissen wir nicht. Aber es lohnt sich trotzdem, für unsere Enkelkinder.“ Diese Haltung setzt eine enorme Kraft frei.
Wenn du an dieser Stelle weiterdenken willst: Warum ein handlungsfähiger Staat und eine funktionierende Demokratie zusammengehören, haben wir in „Wir brauchen mehr Räume, um Zukunft zu entwerfen“ aufgeschrieben.
Und wenn du das Thema praktisch angehen willst, gibt es zwei Einstiege: das kostenlose Webinar „Verwaltungstransformation gestalten: Designing Public Governance“ als Überblick — und das Training Designing Public Governance, bei dem Nina Co-Host ist.