Was Public und Private Sektor voneinander lernen können

Team Dark Horse
Team Dark Horse 08.09.2026, 22:46 · 5 Min. Lesezeit
Freigestellte Schwarz-Weiß-Collage eines Verwaltungsmitarbeiters an einem Schreibtisch voller Aktenstapel, vor blauem Hintergrund

Freie Wirtschaft oder öffentliche Hand? Lisa Zoth arbeitet bei Dark Horse regelmäßig auf beiden Seiten: Sie hat Agile Coaches für Bundesministerien ausgebildet, Design Sprints für Verwaltungsdienstleistungen begleitet und für die Brandenburger Landeshauptstadt Bürger*innen, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung an einen Tisch gebracht. Genug Praxis also, um unsere heutige Frage zu beantworten: Was können öffentlicher und privater Sektor eigentlich voneinander lernen?

 

Was der öffentliche Sektor vom privaten lernen kann

Fangen wir mit dem Naheliegenden an. Bei Prozessen, die effizienter werden könnten, bei schlankeren Strukturen, bei mehr Nutzer*innen- statt Verfahrensorientierung. Hier kann der Staat in den letzten Jahren schon einiges an Anstrengungen vorweisen. In Berlin zum Beispiel lassen sich eine Menge Sachen nun online abwickeln, für die man vor kurzem noch zum Amt musste, wie das Anmelden einer Wohnung oder das Zulassen eines Autos.

Für letztere Verwaltungsleistung hat Lisa selbst einen Design Sprint begleitet. Genau hier zahlt sich das Servicedesign-Denken aus der Wirtschaft unmittelbar aus, und zwar dann, wenn Behörden verstehen, wie Menschen einen Prozess tatsächlich erleben, statt ihn nur nach Aktenlage zu organisieren.

Trotzdem gibt es in Sachen Digitalisierung noch viel zu tun, gerade bei Gewerbethemen sind wir in Deutschland noch lange nicht auf dem Stand, auf dem einzelne skandinavische oder baltische Länder sind.

Die eigentliche Überraschung: was Unternehmen vom Staat lernen können

Wo Unternehmen sich auf einzelne Kundensegmente fokussieren können, muss der Staat immer die ganze Gesellschaft im Blick haben. Im öffentlichen Sektor ist Systemisches Denken deshalb näher an der Grundausstattung; dort müssen Politikgestaltung, Gesetzgebung und Verwaltung von Anfang an in Zusammenhängen denken, die über ein einzelnes Produkt oder einen einzelnen Markt hinausgehen.

Dieses Skillset der ganzheitlichen Betrachtung wird – in den aktuellen Krisenzeiten – auch in der freien Wirtschaft immer wichtiger, ist aber in vielen Unternehmen immer noch Neuland.

„Ein Unternehmen hat eher den Horizont: Was kann ich in meinem Markt erzielen, welche Produkte kann ich anbieten, die auf vorhandene Bedürfnisse treffen“, sagt Lisa im Gespräch. Demokratie sei da nicht das erste Prinzip, das sich ein Wirtschaftsunternehmen stelle.

Ähnlich verhält es sich mit Partizipation. Das naheliegende Narrativ lautet, dass Unternehmen partizipative Methoden entwickelt haben und der öffentliche Sektor sie jetzt übernimmt. Das kann man auch anders sehen: Der Anspruch, dass alle mitreden dürfen, ist zuerst ein demokratisches Prinzip und wird von der Wirtschaft erst seit Kurzem für sich entdeckt.

Bürger*in ist nicht dasselbe wie Kund*in

Hier stößt der Methodentransfer aus der Wirtschaft an eine wichtige Grenze. Nutzer*innenzentrierung ist selbst ein Import aus dem Privatsektor. Der öffentliche Sektor hat inzwischen verstanden, wo die 1:1-Übertragung nicht funktioniert: Ein Unternehmen optimiert für die Bedürfnisse seiner Kund*innen. Der Staat muss seine Zielgruppe, die Bürgerinnen und Bürger, als Teil einer sehr pluralistischen Gesellschaft verstehen, die nicht nur unterschiedliche, sondern teils auch konträre Wünsche und Bedürfnisse hat. Trotzdem muss er seine Touchpoints im Sinne dieser gesamten Gesellschaft mitdenken.

Für Prozessdesign im Staat heißt das Obacht. Wer eine Verwaltungsleistung wie ein Produkt behandelt, verliert leicht aus dem Blick, dass eine Entscheidung, die für die befragte Zielgruppe gut ist, für die Gesamtgesellschaft trotzdem falsch sein kann.

Bürokratie ist ein Werkzeug, kein Selbstzweck

Über Bürokratie wird aus der Wirtschaft heraus viel geschimpft. „Wahrscheinlich auch viel zu Recht“, meint Lisa Zoth, „in ganz vielen Bereichen kann man durchaus richtig was rauskürzen.“ Trotzdem tut es Not, daran zu denken, wofür Bürokratie eigentlich da ist.

Bürokratie schafft Rechtssicherheit durch transparente Prozesse, die nachvollziehbar und dokumentiert sein müssen. Es geht um Transparenz und es geht darum, Korruption zu vermeiden und nicht einfach irgendwelche Befugnisse unter der Hand zu vergeben. Letzteres passiert unter dem Mantel des Bürokratieabbaus nämlich oft schneller als gedacht, wie aktuell in den USA oder Argentinien unter Trump, Musk und Milei erkennbar.

Unterschiedliches Tempo ist kein Fehler

Bürokratie nervt also, weil sie langsam ist. Sie muss aber manchmal langsam sein, weil sie etwas absichert, das ein Unternehmen so nicht absichern muss. Dieser Geschwindigkeitsverlust ist also der Preis für eine gewisse Stabilität. Würden sich Verwaltung und freie Wirtschaft im selben Tempo ändern, könnten viele komplexe Prozessketten nicht mehr Schritt halten und der Staat könnte seine Leistungen nicht mehr zuverlässig ausführen.

Diese Logik lässt sich anschaulich mit dem Modell Pace Layering von Stewart Brand erklären. Es besagt, dass ein System (hier z.B. die Gesellschaft) aus sich unterschiedlich schnell verändernden Schichten besteht. Schnelle Schichten sind dabei der Motor für Innovation. Sie experimentieren, scheitern billig und erneuern sich ständig. Langsame Schichten dagegen stabilisieren das Gesamtsystem, indem sie nur das absorbieren, was sich in den schnellen Schichten bereits bewährt hat; ein System, in dem alle Schichten gleich schnell liefen, wäre entweder chaotisch instabil oder komplett erstarrt.

Würden Gesetze so schnell wechseln wie Unternehmensprodukte, hätten wir ein Systemproblem. Das heißt nicht, dass Tempo im öffentlichen Sektor egal wäre. In manchen Bereichen müssten Staat und Verwaltung deutlich schneller sein, auch, damit Deutschland als Wirtschaftsstandort attraktiv bleibt. Zwei Wahrheiten, die gegeneinander abgewogen werden müssen, nicht gegeneinander ausgespielt, sagt auch Lisa: „Man muss sehr genau hinschauen, was man verändert und wie man stabil bleibt, damit es investitionsattraktiv bleibt.“

Eine kleine Übersetzung statt großem Rezept

In der Frage „Public vs. Private“ ist kein Sektor dem anderen einfach voraus. Der öffentliche Sektor hat einen Rückstand in Sachen Effizienz und User Centricity, den er kennt und an dem er auch schon arbeitet. Der Privatwirtschaft wiederum fehlt es an systemischen Betrachtungsskills und (immer noch) an Partizipation, gerade in Sachen Strategie. Wer beides mitdenkt, tauscht keine Fertigrezepte miteinander aus, sondern schaut bewusst, welche Strategien des Gegenübers für die eigenen Ziele wirklich sinnvoll sind.

Mehr zum Thema: Strategiearbeit im öffentlichen Sektor.


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