Transformation

„System-Personas“: Komplexe Zusammenhänge durch Storytelling greifbar machen

Fabian Gampp
Fabian Gampp 31.03.2026, 11:05 · 8 Min. Lesezeit
Schwarzweiß-Collage: zwei Sportler geben sich die Hand, einer hat eine Ananas, der andere eine Glühbirne als Kopf

Ein Gastbeitrag von Fabian Gampp

TL;DR: System Maps machen Komplexität sichtbar, können aber beim ersten Blick auch überfordern. System-Personas sind menschenzentrierte Einstiegspunkte in die Karte: Sie repräsentieren zentrale Akteursgruppen und helfen, die Geschichte des Systems schneller zu verstehen, ohne die systemische Logik aus den Augen zu verlieren.

Ein zentraler Aspekt bei der praktischen Anwendung von Systemic Design ist die Visualisierung komplexer Zusammenhänge. System Maps können dabei eine sehr hilfreiche Methode sein, um Komplexität sichtbar und greifbar zu machen und einen konstruktiven Umgang mit ihr zu ermöglichen.

In unserer Arbeit in der System Mapping Academy nutzen wir System Maps als zentrales Artefakt, um Systeme besser zu verstehen und ihre Dynamiken auch für andere nachvollziehbar zu machen.
In vielen Projekten, die wir in den vergangenen Jahren umgesetzt haben, sind wir jedoch immer wieder auf eine Herausforderung gestoßen: Selbst eine gut recherchierte und sorgfältig gestaltete System Map kann auf Betrachter manchmal überwältigend wirken und damit den Einstieg in komplexe Zusammenhänge erschweren. Viele Variablen, unzählige Verbindungen und Rückkopplungsschleifen, für Außenstehende kann das schnell wie eine Fremdsprache aussehen. 

Diese Überforderung ist ein Grund, warum wir dazu neigen, in Silos zu denken: Innerhalb vertrauter Grenzen zu bleiben, fühlt sich sicherer und einfacher an. In der Systemforschung wird dies oft als “bounded rationality” beschrieben, wir treffen „rationale” Entscheidungen, aber nur auf der Grundlage der begrenzten Informationen, die wir verarbeiten können. Infolgedessen konzentrieren wir uns auf einen begrenzten Teil des Systems, und unsere Ziele werden tendenziell enger gefasst, als es die Situation tatsächlich erfordert.

Im Idealfall führt ein erfahrener Moderator durch die Karte. Dies kann einen schnellen Überblick über die miteinander verbundenen Sektoren geben, die Geschichte des Problems erzählen, die zugrunde liegenden Dynamiken erklären und auf potenzielle Hebelpunkte hinweisen. Aber eine solche geführte Erleuterung ist nicht immer möglich.

Hier kommen System-Personas ins Spiel. Sie helfen den Beteiligten, schneller in eine System Map einzusteigen, ohne die dahinterstehende systemische Logik aus den Augen zu verlieren.

Was sind System-Personas?

System-Personas sind menschenzentrierte Einstiegspunkte in eine System Map. Sie repräsentieren wichtige Akteursgruppen innerhalb des Systems und basieren auf qualitativer Forschung (z. B. Interviews, Workshops, Beobachtungen, Literatur).

Im Gegensatz zu klassischen Personas, die sich auf „Benutzerbedürfnisse” z.B. im Produktkontext konzentrieren, verbinden Systempersonas gelebte Erfahrungen mit systemischen Dynamiken. 

Sie machen die Karte leichter verständlich, weil sie:

  • den Menschen einen nachvollziehbaren Ausgangspunkt bieten,
  • abstrakte Variablen in alltägliche Realitäten übersetzen
  • und dabei helfen, die wichtigen Dynamiken hervorzuheben – ohne dass die gesamte Karte auf einmal gezeigt werden muss.

Eine Persona wird so zu einer Art Navigator durch die Komplexität.

Fallstudie: Das Wohlbefinden junger Menschen in Cluj-Napoca

Systemkarte „Youth Wellbeing in Cluj": Wirkungsnetz vernetzter Faktoren in den Clustern Physical, Psychological und Interpersonal, eingebettet in die Ebenen Individual, Societal und Environmental.

Im Jahr 2024 haben wir gemeinsam mit der Initiative OurCluj eine wichtige Frage für die Zukunft des städtischen Lebens untersucht: Was fördert das Wohlbefinden junger Menschen?

OurCluj ist eine Design- und Forschungsinitiative von Stadtentwicklern in Cluj-Napoca, Rumänien. Ihr Ziel ist es, das Wohlbefinden in den Mittelpunkt der Stadtentwicklung zu stellen, anstatt sich in erster Linie auf das Wirtschaftswachstum zu konzentrieren. Die Initiative widmet jungen Menschen besondere Aufmerksamkeit, da sie die Zukunft der Stadt gestalten werden.

Unser Ziel war es, die komplexen Zusammenhänge zwischen den Herausforderungen und Ressourcen junger Menschen in einem städtischen Umfeld abzubilden und ein gemeinsames Verständnis unter lokalen Akteuren und Experten zu schaffen, die selten die Möglichkeit haben, das Gesamtbild zu betrachten.

Der Erstellungsprozess der System Map 

Die System Map wurde in einem partizipativen Prozess mit mehr als 40 lokalen Interessengruppen entwickelt, unterstützt durch:

  • Literaturrecherche
  • Interviews mit Experten und Interessengruppen zur Ermittlung von Variablen und Dynamiken
  • sowie Workshops zur gemeinsamen Entwicklung, Validierung und Analyse der Karte.
Projekt-Zeitleiste Juli bis Oktober mit fünf Phasen: interne Datensammlung, Mapping-Workshop, Stakeholder-Workshop, Anpassung mit Expert*innen und finale Systemkarte.

Im Wesentlichen zeigte die daraus resultierende Karte: Bei der Verbesserung des Wohlbefindens geht es nicht nur um die Optimierung isolierter Faktoren (wie z.B. „bessere Schulinfrastruktur“). Es geht darum, die Beziehungen zwischen den Faktoren zu verbessern, wie beispielsweise die Unterstützung für Lehrer, die Einstellung der Eltern gegenüber Schulen und Lernmöglichkeiten außerhalb der Schule. Diese Verbindungen, die oft durch Rückkopplungsschleifen zum Ausdruck kommen, sind der Motor, der das System wirklich antreibt.

Da die Karte sehr detailliert ist, haben wir eine vereinfachte Übersichtskarte erstellt, die zeigt, welche Sektoren enthalten sind und wie sie miteinander in Beziehung stehen. Dennoch kann es selbst mit einer vereinfachten Karte schwierig sein, die wichtigsten Dynamiken zu erfassen, wenn man die vollständige System Map zum ersten Mal sieht.

Vereinfachte Systemkarte des Jugend-Wohlbefindens: benannte Faktoren wie mentale Gesundheit, Sinnempfinden und Familienunterstützung, per Pfeilen verbunden in den Ebenen Individual, Societal und Environmental.

Warum wir System-Personas erstellt haben

Ein Ziel des System-Mapping-Prozesses war es, die Erkenntnisse Aussenstehenden zu kommunizieren, ein breites Bewusstsein für das Wohlergehen und die Gesundheit junger Menschen in Cluj zu schaffen und für die systemischen Abhängigkeiten, in denen sie sich befinden. Um trotz der vielen miteinander verbundenen Themen einen niederschwelligen Einstieg in das Thema zu geben haben wir vier System-Personas entwickelt. Jede Persona repräsentiert eine wichtige Akteursgruppe in Cluj und stellt deren Herausforderungen und Ressourcen aus der Perspektive des Systems dar. Eine Gruppe lokaler Künstlerin hat für jede Persona eine Illustration erstellt, um ihnen ein menschlicheres Profil zu verleihen. 

Wir haben diese Personas in mehreren Stakeholder-Präsentationen verwendet und sie in die endgültige Karte integriert, die auf Kumu veröffentlicht wurde.

Vier illustrierte System-Personas: Sofia (16, Schülerin), Ada (14, Roma, Schülerin), Eugen (23, Student) und Csaba (28, Berufstätiger).

Wie hilft das in der Praxis? Schauen wir uns Sofia an.

Sofia: Die Geschichte des Systems anhand einer Persona erzählen

Sofia repräsentiert eine typische Gruppe junger Menschen in Cluj: Teenager an öffentlichen Gymnasien mit stabilen familiären Verhältnissen, die mit den üblichen Herausforderungen in Schule und Gesellschaft konfrontiert sind.

Anstatt jemanden zu bitten, die gesamte System Map zu interpretieren, beginnen wir mit Sofia und nutzen die Karte, um die Dynamiken aufzudecken, die ihren Alltag prägen.

In der Literatur wird Wohlbefinden als das Gleichgewicht zwischen den psychologischen, sozialen und physischen Ressourcen einer Person und den Herausforderungen, denen sie gegenübersteht, definiert. Vor diesem Hintergrund haben wir Sofias Persona auf die Systemdynamik konzentriert, die mit ihren Herausforderungen verbunden ist und auf die Ressourcen, die ihr zur Verfügung stehen.

Nachfolgend finden Sie die vereinfachte „Persönlichkeitskarte”, die wir für Sofia erstellt haben, zusammen mit den wichtigsten Herausforderungen und Ressourcen, die darin hervorgehoben werden. Wenn Sie mit den in der Karte verwendeten Notationen nicht vertraut sind, finden Sie eine kurze Erklärung in unserem Artikel: „Systemdenken – Worum geht es dabei?”.

Wirkungsdiagramm „Challenges & Resources to Sofia's Wellbeing" mit Rückkopplungsschleifen R1 bis R7 rund um Lernfähigkeit, mentale Gesundheit und Sinnempfinden.

Sofias größte Herausforderungen

Dies sind zentrale Herausforderungen, die einen Teufelskreis in Gang setzen können, aus dem Sofia nicht mehr herauskommt. In der System Map werden diese Dynamiken als Rückkopplungsschleifen dargestellt, die sich mit der Zeit verstärken können, wenn sie nicht durch etwas unterbrochen werden.

  1. Druck im Bildungssystem

Sofia steht unter starkem Druck, gute Noten zu erzielen. Dies kann Ängste auslösen und ihre Fähigkeit, effektiv zu lernen, beeinträchtigen. Schlechte Ergebnisse können den Druck weiter erhöhen und so einen Teufelskreis in Gang setzen (Schleife R1).

  1. Finanzielle Belastungen und begrenzte Möglichkeiten

Aufgrund der finanziellen Belastungen ihrer Familie ist ungewiss, ob sie sich ein weiterführendes Studium leisten kann, um Lehrerin zu werden (R2). Auch die niedrigen Gehälter im Bildungssektor können sie von diesem Weg abbringen, selbst wenn sie motiviert ist (R3).

  1. Kontakt mit Suchtmitteln in ihrem sozialen Umfeld

Rauchen und Drogenkonsum in der Schule und in ihrem Freundeskreis sind präsent und manchmal attraktiv – was das Risiko erhöht, dass das Ausprobieren zu einer schädlichen Gewohnheit wird (R4).

Sofias Ressourcen

Diese Ressourcen können positive Rückkopplungsschleifen auslösen, die Sofia dabei helfen, ihre Resilienz zu stärken und ihre Herausforderungen zu meistern. Diese erscheinen auch als Rückkopplungsschleifen innerhalb der System Map.

  1. Unterstützende Beziehungen
    Sofia hat starke familiäre Bindungen und vertrauensvolle Freundschaften. Wenn sie sich unter Druck gesetzt oder überfordert fühlt, hat sie Menschen, mit denen sie reden kann. Das reduziert Stress und erhöht ihre Fähigkeit, damit umzugehen.
  2. Ein Jugendzentrum und eine Peer-Community
    Sie ist in einem örtlichen Jugendzentrum aktiv und Teil einer Peer-Mentoring-Gruppe. Dies fördert Zugehörigkeit, Vertrauen und Selbstvertrauen – und gibt ihr Raum, Fragen offen zu diskutieren (R6).
  1. Ein starkes Zielbewusstsein

Sofia ist sich ihrer Stärken und Leidenschaften sehr bewusst, unterstützt durch ihre engen Beziehungen zu Familie und Freunden. Dies hilft ihr, ihr Ziel klarer zu sehen, und motiviert sie stärker zum Lernen (R7).

Vorteile von System-Personas

Der Auszug aus der System Map für Sofia ist ein kleiner, leichter verständlicher Ausschnitt aus der Gesamtkarte. Er ermöglicht es uns, sowohl die Teufelskreise, die ihr Wohlbefinden gefährden könnten, als auch die positiven Kreisläufe, die ihre Fähigkeit stärken, Herausforderungen zu meistern, aufzuzeigen – ohne dass die Betrachter alles auf einmal verarbeiten müssen.

System-Personas ersetzen nicht die System Map. Sie geben einen Einstieg und helfen Menschen, sich darin zurechtzufinden.

Tipps für die Verwendung von System-Personas in System Maps

  • Sie müssen nicht alle Personen abdecken. Personas müssen nicht jeden Akteur im System repräsentieren. Wählen Sie einige wenige aus, die die wichtigsten oder am meisten missverstandenen Dynamiken hervorheben.
  • Erstellen Sie eine vereinfachte „Persona-Karte”. Erstellen Sie eine reduzierte Version der System Map, die nur die für diese Persona relevanten Variablen und Feedbackschleifen zeigt. Denken Sie daran: Es ist die kleinste Karte, die dennoch die systemische Geschichte erzählt.
  • Versuchen Sie nicht, alles zu zeigen. Das Ziel einer System-Persona ist es, Verständnis zu schaffen, nicht Vollständigkeit. Bei diesem Ansatz steht die Kommunikation im Vordergrund.
  • Planen Sie Zeit für das Storytelling ein. Personas erfordern Aufwand: Recherche, Synthese, Erzählung und Visualisierung der Personas kosten Zeit. Aber dieser Aufwand zahlt sich aus, indem sie Ihre Karte zugänglicher macht, insbesondere für Stakeholder, die neu im Thema sind und noch nicht mit der “Systemsprache” vertraut sind.

Weitere Informationen zum Projekt finden Sie auf der Webseite der OurCluj-Initiative.

Das Projekt wurde von der System Mapping Academy im Auftrag des SDG Colab und der OurCluj-Initiative durchgeführt, finanziert durch die Fondation Botnar. Die System-Personas wurden durch die Illustrationen von Melinda Urecki (ArtiViStory Collective) zum Leben erweckt.

Weiterlesen

Systemic Design Handbuch — der Überblick zum Thema, mit allen weiterführenden Beiträgen.


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Fabian Gampp
Fabian Gampp ist ein Innovationsstratege, Trainer und Entrepreneur mit Fokus auf sozialökologische Innovationen. Er ist Co-Founder der System Mapping Academy und des Education Innovation Lab. Er arbeitet als Berater für soziale Start-Ups und Einrichtungen im öffentlichen Sektor am Impact Hub Berlin. Sein Faible: gesellschaftliche Transformationsprozesse anstoßen.

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